Diary Part 3 –   Plötzlich wurde ich wahrgenommen

Diese neue Rubrik Gedanken einer Essgestörten ist für mich tatsächlich nun auch mein Weg um das Vergangene nochmals mit Abstand zu beleuchten und komplett hinter mir zu lassen, denn auch meine mittlerweile schon fast 5 jährige Therapie neigt sich dem Ende zu und man blickt ganz automatisch zurück. Ums Essen ging es übrigens in all den Jahren sehr selten, denn die Ursachen für Essstörungen liegen ganz wo anders. Bei der Selbstliebe…. aber viel mehr noch bei all den Strukturen, die man als Kind und Jugendlicher erlebt.

Wie fing das eigentlich damals an… Von Außen betrachtet … und so habe ich mich sehr viele Jahre gesehen, war ich immer ein Kind mit einen winzigen Ticken Babyspeck. Das war nie groß Thema…Ich wurde auch deswegen nie gemobbt, es war im Normalmaß… Mit der Pupertät kamen die kleinen Rundungen, die die anderen Mädchen einfach so nicht hatten. Alle „gingen“ das erste Mal mit Jungs, nur ich blieb allein… Alle anderen waren einfach mädchenhafter…. Kurz und knapp ich wollte schlanker sein und hielt das viele Jahre für das Allerheilmittel um mehr Beachtung zu bekommen. 

Rückblickend betrachtet ist das paradoxe daran, dass ich tatsächlich in meinen extremsten Zeiten zwischen 44 und fast 90 Kilo wog und mich in meiner schwersten Zeit und meiner damaligen Beziehung am geliebtesten fühlte und tatsächlich nichtmal merkte das ich so viel wog. Ganz schön traurige Erkenntnis… Aber diese Erkenntnis war auch der Schlüssel mein Selbstbild zu überdenken.

Wie es so weit kommen konnte? Das war ein langer selbstzerstörischer Weg, den ich aber heute nicht mehr missen möchte, da er mich jetzt viele Jahre später sehr viel über mich lernen lassen hat. 

Ich erinnere mich an viele Diätversuche in meiner frühen Jugend, die alle scheiterten. Ernährung war in meiner Familie nie ein wirkliches Thema. Meine Mum ist eine hervoragende Köchin, die aber überwiegend Hausmannskost oder schnelles Fast Food auf den Tisch brachte. Halt das was man in der ländlichen Gegend kannte. Kalorien, Nährstoffe und Inhaltsstoffe waren Fremdwörter für meine Eltern und so fehlte auch mir damals das Gefühl für gesunde Ernährung und auch das richtige Maß. Es wurde einem nie so richtig vermittelt…

Irgendwann Rund um mein 15/16. Lebensjahr begann ich das Hungern. Ich aß von Tag zu Tag weniger, zählte Kalorien und fühlte mich unheimlich stark.  Ich hatte die Kontrolle über mich und meinen Körper und konnte es steuern…. Der morgendliche Gang auf die Waage bestimmte den kompletten Ausgang und Stimmung des Tages. War ein „Minus“  zu erkennen, wollte ich mehr von diesem Glücksgefühl und ich strich weitere Kalorien, tat sich nichts,  aß ich tagelang nicht mehr als einen Apfel am Tag… Ich wurde belohnt mit Lob über mein tolles neues Aussehen , ich wurde plötzlich wahrgenommen und auch das bestärkte mich immer mehr auf diesem Weg und ich wollte mehr von diesem Lob, aber bekam die schlimmsten Jahre meines Lebens…


Im Jahre 99 nahm ich sehr schnell um die 10 Kilo ab.  Auf dem Weg   wurde ich immer blasser, oft krank und zwang mich in Gesellschaft zu essen und wog zuletzt um die 49 Kilo.  Irgendwenn drehte sich plötzlich alles und ich bekam Heißhungerattacken, gefolgt von Gewissensbissen. Ich aß also wieder tagelang nichts bis auf einen Apfel am Tag. Doch natürlich bemerkte meine Familie langsam mein ungesundes Verhalten und ich begann zu essen,  um andere zu besänftigen…. Aber ich begann auch es heimlich zu entsorgen…. Es war ein tolles Gefühl die Kontrolle und Macht über mich und meinen Körper zu besitzen und es war ja so denkbar einfach… Anfangs tat ich es nur gelegentlich, aber dann kamen irgendwann die Zeiten, die mich aus dem sozialen Leben stießen. 

Niemals hätte ich zuvor geglaubt, dass eine solche Krankheit,  einen so zerstören kann…. Ich plante mein Leben nur noch nach Kalorien, bzw. sie nicht aufzunehmen… Ich stand kurz vor meinem Realschulabschluss und alle gingen ständig auf Partys, nur ich… Ich konnte nicht. Freundinnen feierten Geburtstag und ich fand Ausreden nicht hinzumüssen, um nicht essen zu müssen. Wenn ich selten dann doch mal ausging, war der Abend eine einzige Qual für mich….In dieser Zeit erbrach ich mehrmals wöchentlich und nahm wenig zu mir. Auch heute reagiere ich sehr sensibel wenn Menschen aus meinem Umfeld, oder in sozialen Medien vom “ Kalorien tracken“ schwärmen. Ich sehe da diesen Strudel und die Gefahr und das was es mit mir gemacht hat… Sicher kann es über einen kurzen Zeitraum mal Sinn machen, um sich ein besseres Gefühl für Ernährung zu verschaffen, aber der Weg zur Gefahrenzone ist oft fießend und man kommt nicht mehr raus und dann irgendwann dreht sich jeder Gedanke nur um Kalorien…

Das Erbrechen strengte mich an.Also entdeckte ich Glaubersalz als Abführmittel für mich. Von Woche zu Woche versuchte ich in anderen Apotheken an das bittere Salz zu kommen um nicht aufzufallen,  später sorgte genau das für große gesundheitliche Probleme …. Es war ein Kreislauf…. Nach meinem Schulabschluss wollte ich schnell unanhängig sein und entschied mich für eine Ausbildung. Noch während der Probezeit ging ich, weil ich nur noch mit mir, dem Essen und dem loswerden des Essens beschäftigt war … Ich wollte nicht aufgeben und fand sofort einen neuen Ausbildungsplatz….  Nach 3 Monaten ging ich auch dort, nachdem ich mehre Zusammenbrüche erlitt und meine Mutter sich entschloss mich zu einer Therapie zu zwingen und sich die kleine Kanzlei einen so langen Ausfall nicht leisten konnte … Leider ist das in Deutschland mit einem Therapieplatz nicht ganz so einfach und ich wartete und wartete und litt mehr als je zuvor. Alle ehemaligen Schulfreunde gingen derweil ihren Weg, lernten neue Leute kennen, verdienten teilweise Geld und mein Leben schien schon mit 17 Jahren mit 2 gescheiterten Ausbildungsversuchen und Depressionen vorbei, bevor es richtig begann…. 

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